Innenraum der Johanneskirche

kanzel1Wenn Sie vom Eingang der Kirche in Richtung Apsis schauen, schraubt sich zur Linken eine Treppe zur Hochkanzel hinauf. In der ursprünglichen Kirche von 1881 stand hier eine bunt verzierte Kanzel auf einer steinernen Säule, von einem Zaun umgeben. Die Nachkriegs-Kirchengestaltung hob die Predigtkanzel in eine Schwindel erregende Höhe von fünf Metern, setzte sie auf eine ins Kirchenschiff vorspringende Mauer und umkleidete die Predigenden mit einer wuchtigen hölzernen Kassettenbrüstung. Die neue Kanzel ist dagegen ganz zurück genommen.

Der gedrehte Aufgang gibt den Blick in die Kirche frei, die Glasverkleidung wirkt transparent. Nicht das Möbelstück, das dort gesprochene Wort ist es, was alle Aufmerksamkeit haben soll. Wenn Sie näher herantreten, werden Sie in den Glasscheiben des Treppengeländers und der Kanzel so etwas wie Schriftzüge entdecken, manche lesbar, andere in seltsamen fremden Buchstaben. Treten Sie näher und probieren Sie einmal zu entziffern.

Hebräische Schrift Am Fuß der Treppe, direkt vor Ihnen, zur Linken stehen drei Namen in hebräischer Druckschrift. Der erste lautet Abraham, der darunter: Isaak, der untere Jakob. Dies sind die Namen der drei Erzväter Israels und die drei Namen, mit denen Gott sich dem Mose am brennenden Dornbusch vorstellt – gleichsam die Visitenkartennamen des Himmels! In gleicher Höhe, auf der anderen Seite der Stufen, stehen vier Namen ›zur Rechten‹ (das ist die Seite der Ehre): Sarah, Rebekka, Rachel und Leah – die Frauen der Patriarchen, ohne die die Glaubensgeschichte keine weitere Stufe erklommen hätte. Der nächste Name auf der Frontseite ist der des Mose. Der Schriftzug wirkt etwas krakelig, gerade so wie aus der Handschrift, einer 2500 Jahre alten Buchrolle, dem 5.Buch Mose Kapitel 29 entnommen. Mose ist der große Prophet, Priester, Mittler und Gottesbotschafter Israels, der die Zehn Gebote anvertraut bekam. Der nächste Name ist Davíd, in Originalhandschrift, wie die Christen ihn im 6.Jahrhundert auf Griechisch in einem Lukas-Evangelium-Pergament notiert haben (Jesus sprach: »Habt ihr nicht gelesen, was David tat?« Kapitel 6 Vers 3). David ist der König von Jerusalem und ihm und seinen Nachkommen ist die Messiasverant-wortung im Volke Israel anvertraut. Auch Jesus stammt aus dem Hause Davids.

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Auf David folgen zwei hebräische Namen, die für die Zeit der großen Propheten Israels stehen: Jesaja und Elia. Die alten biblischen Schriften hängen jeweils ein Kürzel des Gottesnamens dran, und so heißt Jesaja, der Gottesknechtlieder-Dichter und Messiasverheißer, korrekt Jesajáhu, und Elia, den zum Himmel entrückten Gottesmann, rief man Elijáhu; er gilt als Wegbereiter des Christus und noch heute wird in vielen frommen jüdischen Häusern am Schabbáth-Abend ein Stuhl frei gehalten ist, für den Fall, dass den Raum betritt. Mit Joseph und Maria passieren wir die Schwelle zum Neuen Testament; beide sind Glieder des Gottesvolkes Israel, beide sind zugleich Türöffner für die Völker; deshalb sind ihre hebräischen Namen Mirjám und Joßéph in den griechischen Großbuchstaben der Evangelien zu sehen. Simon Petrus, der erste Jünger aus dem Zwölferkreis Jesu, ist im originalen Schriftbild des Codex Sinaiticus, einer Bibelhandschrift aus dem 4.Jahrhundert übernommen; beachten Sie bitte, dass der Name in der Anredeform erscheint – Simon Petre – so wie Petrus sich vom Christus angesprochen hörte. Paulus, der nächste handschriftliche Name, ist aus einem der ältesten Papyri, dem Chester-Beatty-Codex Anfang des 3.Jahrhunderts, dem Briefkopf des Galaterbriefs entnommen,; mit ihm sind wir an die Riege jener Apostel gelangt, die eigenhändig Briefe verfasst und das Evangelium in eigene Worte gefasst haben. Johannes, der nächst folgende, ist leicht zu entziffern, denn er steht da in altlateinischen Buchstaben der berühmten gotischen ›Wulfila-Bibel‹ des 6.Jahrhunderts; Auch Philippus, den Jesus aus dem Dorf Bethsaida in den Zwölferkreis beruft (Johannesevangelium 1 Vers 43), ist leicht entzifferbar in der altlateinischen Schrift der ›Vetus Latina‹, der römischen Bibel des 6.Jahrhunderts; Philippus ist der Missionar, der an die Straße nach Gaza geschickt wird, um mit Passanten ins Gespräch zu kommen (Apostelgeschichte 8 Vers 26), wenn Sie so wollen also der Erzvater der Citykirchenbewegung.

Kanzelebene

Die Kanzelebene beherrschen zwei verbliebene Namen, die in der Bibel buchstäblich »über allen Namen« sind. Der vordere Name besteht aus zwei Kürzeln, XC und IC, die griechische Abkürzung von Christòs Jesoús; in seinen Namen hinein werden Menschen getauft, durch seinen Namen beten Christen zu Gott-dem-Vater, ihn verkündigt jede Predigt, die von dort oben gehalten wird; das Namenskürzel ist aus einer alten Handschrift mit dem Text des Ersten Timotheusbriefs kopiert, wo es heißt »es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung« (1.Tim 2 Vers 5). Der Name Gottes, das heilige Tetragramm, finden Sie links oben neben Leseaufsatz und Antependium der Kanzel; er ist aus einer Buchrolle entnommen, die in Qumran in Tonkrügen zwei Jahrtausende überdauerte und den Text (und Kommentar) zum Propheten Habakuk enthält; bemerkenswert ist, dass der Schreiber, die vier Buchstaben des Gottesnamens JHWH in althebräischer Schrift notiert hatte, als Zeichen der Ehrfurcht; die erste Vater-Unser-Bitte »geheiligt werde dein Name« spiegelt dieselbe Ehrerbietung; und im Johannesevangelium hat Jesus seine ganze Mission in diesem einen Punkt zusammen gefasst: »Ich habe deinen Namen offenbart den Menschen, die du mir von der Welt gegeben hast« (Johannesevanglium 17 Vers 6). Der Gottesname ist aus dem Verbum ›geschehen‹ abgeleitet und bedeutet nach biblischer Deutung: »Ich bin für euch da, als der der war und der geschieht und der geschehen wird«.

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Die Namen stehen keineswegs als Dekoration auf den Treppenseiten dieser Hochkanzel. Vielmehr bilden sie ein Spalier, durch das die PredigerInnen schreiten, wenn sie zur Predigt auf die Kanzel steigen. Wer einem Gottesdienst beiwohnt, wird sehen, dass immer dort, wo der schwarze Talar hinter den Schriftzügen vorbei streicht, für eine Sekunde die Namen kräftiger sichtbar werden und aufleuchten. Wer von der Kanzel predigt, wandelt im Rate der biblischen Schrift (Psalm 1) und jener Persönlichkeiten, die dort das Wort Gottes maßgebend gehört und in eigene Worte gefasst haben. Auch wenn die Predigt den Auftrag hat, eine eigene Auslegung für Menschen dieser Stunde zu riskieren, entspringt sie doch nicht der isolierten Frömmigkeit und Phantasie der PastorInnen. Dolmetscher sind sie, nicht mehr, nicht weniger.

Bleibt anzumerken, dass in der Bibel Namen niemals nur ›Schall und Rauch‹ sind. Namen symbolisieren etwas Lebendiges, sie verkörpern die Gegenwart des Genannten. Der Tempel von Jerusalem war nicht Wohnhaus Gottes – dies wäre eine heidnische Vorstellung gewesen – sondern es hieß: Gott lässt Seinen Namen an dieser Stätte wohnen, d.h. Gott ist anwesend, wo Sein Name geheiligt wird! Im Namen Jesu haben die Apostel Kranke geheilt und in den Namen (des Herrn) tauft die Kirche seit Jahr und Tag. In einem Streitgespräch mit den Priestern (Matthäus-Evangelium 22) erinnert Jesus daran, dass Gott der Gott Abrahams, Gott Isaaks und Gott Jakobs sei. Da Gott nach alter Überzeugung niemals mit etwas Totem in Berührung kommt, stehe fest, dass diese drei, deren Namen der Ewige nennt, auferstanden sind und in Gottes Nähe lebten. Im Namen steckt und lebt der ganze Mensch, gestern, jetzt und, wenn Gott will, auf ewig. Wenn Christen der alten Kirche die Namen der Propheten und der Evangelisten und Apostel verlasen, taten sie das im Bewusstsein, dass für die Dauer des Gottesdienstes alle diese anwesend, gegenwärtig und versammelt sind.

Vielleicht dürfen wir das Spalier-der-Namen auf den Kanzelscheiben plastischer verstehen als wir uns vorstellen können.


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