antependium.weiss In der Weihnachtszeit, also von Heiligabend die bis zum letzten Sonntag nach Epiphanias (Ende Januar), und zu Ostern sind die Altäre und Abendmahlstische unserer Kirchen in Weiß gekleidet. Weiß wie … weiß wie Milch (Klagelieder 4:7), heißt es in der Bibel; weiß wie Wolle (Offb1:14); weiß wie eine Wolke (Offb14:14); weiß wie Schnee (Markus16:5); weiß wie das Licht (Matth 17:2). Weiß ist streng genommen keine Farbe, es ist reflektiertes Licht auf einem Untergrund, der selbst nur wenig Licht verschluckt. Das Weiß spiegelt das Licht unter geringsten Verlusten.

Die weißen Antependien in den Kirchen markieren jene Feste im Kirchenjahr, die vom Licht, vom Durchbruch des Lichts und vom Sieg des Lichts über das Finstre handeln. Unser Weihnachtsfest erinnert im Dezember, in der längsten Nacht des Jahres, ›wohl um der halben Nacht‹ von einer Engelerscheinung auf den Hirtenfeldern, aus der ›die Klarheit des Herrn leuchtete‹. Die Weihnachtswochen lassen Szene auf Szene folgen, in denen Menschen dem neugeborenen Christus begegnen und ihnen geht ein Licht auf. Ihnen wird klar, um wen es sich da handelt und welche Dimensionen dieses Erscheinen auf Erden hat. Dem Christus selbst öffnen sich Horizonte seiner Mission, als er auf dem Berge Tabor seine Verklärung durchlebt, ›und sein Angesicht leuchtete und seine Kleider wurden weiß wie das Licht‹ (Matth17:2). Ostern ist der Moment, wo sich die Schwärze des Karfreitags hebt und das Leben nach dem Tod das Licht der Welt erblickt. Der Gekreuzigte ist auferstanden! ist das Urbekenntnis des christlichen Glaubens (1.Korinther 15:3). Weiß, rein und ungefärbt ist das Taufkleid, das ›Priestergewand‹ der Getauften als der ›Kinder des Lichts‹ (Offb 3:5). Die Liturgen zogen ein weißes, oft von Licht reflektierenden Fäden durchwirktes Ornat an, nicht um sich selbst zu dekorieren, sondern um das lebendige Licht der Kerzen zu spiegeln und in jeden Winkel des Raums zu senden.

Wenn wir dem Licht nachgehen, dem die Farbe weiß ihr Strahlen verdankt, stoßen wir zuerst auf die natürlichen Lichtquellen, aufs Feuer der Sonne und der Sterne. Sie bringen die Leuchter zweiten Ranges hervor: das Silber des Mondlichts, das Gleißen der Schneekristalle, das Schimmern des Marmor und das Glitzern der Wellen auf einem nächtlichen See. Betreten wir eine Kirche, mischen sich elektrisches Licht und lebendiges Licht der Kerzen, die sich in den weißen Osterund Weihnachtsgewändern und Antependien spiegeln. In diesen Lichterfesten der Christenheit schimmern die großen Erzähltraditionen der gesamten Bibel durch. Im Alten Testament, der Bibel Jesu, ist weiß die Außenseite der Gegenwart Gottes. Gott ist Schöpfer des Lichts (1.Mose 1:3), und Er begegnet im Licht, erzählen die alten Bücher. Kein Mensch überlebe es, diesem Strahlen ungeschützt ausgesetzt zu sein (›weh, ich vergehe‹ sagt der Prophet in seiner Thronsaalvision, Jesaja 6:5). Deshalb naht Gott sich den Menschen in einer Hülle, etwa in einer Wolke, wie geschehen auf dem Berg Sinai, als Mose auf Ihn wartete, die Zehn Gebote zu empfangen. Noch in der Wolkenhülle war das Leuchten der Gottesgegenwart so stark, dass es dem Mose wie ein Strahlen im Gesicht stand, als er den Berg hinab stieg. So blendend ist der Glanz der Gottesgegenwart, dass Mose sich einen Schleier übers Gesicht hängen musste, um die Kinder Israel nicht in Angst und Schrecken zu versetzen. Weiß ist die Farbe der Gottesoffenbarung. Den Widerschein des himmlischen Lichts einzufangen und in die Kirche zu reflektieren – das ist das Amt unseres weißen Antependiums. Uwe Vetter


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