antependium.violettViolett ist die Farbe der Adventszeit, der Passionswochen und des Buß- und Bettags. Das ist erstaunlich, in der Bibel gibt es nämlich kein eigenes Wort für Violett! Aber der Regenbogen kennt diesen Farbton zwischen blau und rot. Im Orient gewinnt man ihn aus dem Sekret der Purpurschnecken, und je nach dem Verdünnungsgrad entstehen aus einem einzigen Rohstoff ein Rosa oder ein Scharlachrot, ein Grün oder rot schimmerndes Schwarz, und eben das Violett. Vier der fünf liturgischen Farben stammen aus einer Quelle. Sie stehen dem Weiß, der ›Farbe‹ des Christuslichts, gegenüber und treten erst unter diesem Licht aus dem grauen Einerlei heraus. Strenggenommen hat erst das 16. Jahrhundert die Zuordnungen der liturgischen Farben zu den Jahresfestzeiten vorgenommen. Doch sie enthalten uralte biblische Farbgeschichten. Das Zelt der Begegnung, das tragbare Heiligtum der Wüstenwanderung, war in den Purpurtönen blau und rot gefärbt, um farblich den Unterschied zwischen profan und heilig zu markieren. König Salomo ließ zum Bau des ersten Tempels nach einem Kunsthandwerker suchen, »der mit blauem Purpur arbeiten kann«. Violett, das Kind von blau und rot, ist die Farbe der Gottesannäherung.

Das violette Antependium in der Johanneskirche zeigt Muster, wie versickernde Wasserläufe sie hinterlassen. Wie Meer bei Ebbe im Sand filigrane Furchen hinterlässt, zeichnen sich Linien ab, die sich in den Altarraum öffnen. Das Wogen und Rauschen ist verebbt, alles wirkt still. In die Antependium. violett. flachen Senken duckt sich der Schatten eines Lichts, das an die frühste Morgenstunde erinnert. Das Nachtschwarz hebt sich, das Morgenrot beginnt als Dämmerblau, und violett färbt sich die Zeit vor Tagesanbruch. So muss Mose das Farbenspiel jener vierzig Nächte und Tage miterlebt haben, als er sich hoch oben auf dem Berge Sinai auf die Offenbarung der Zehn Gebote vorbereitete. Violett mag sich das erste Morgendämmern aus der Nacht gelöst haben, als Jesus für vierzig Tage und Nächte in der Wüste fastete, um in der Lautlosigkeit ein Gehör für die Stimme Gottes zu entwickeln. – Es hatte also einen biblischen Grund, dass die Kirche die Farbe violett für die Bußzeiten wählte. Die Adventswochen und die Fastentage vor Ostern haben etwas von Rückzug, Stille und Verharren, bevor wieder etwas Neues, Kraftvolles heranbrandet. Die Bußzeiten des Kirchenjahrs rufen auf, sich zurück zu nehmen und in sich und in seiner Lebenswelt Raum zu schaffen für etwas, das neu beginnt. Bußzeiten sind Zeiten des Verzichts, um hervortreten zu lassen, was zu andern Zeiten von profanen Dingen überflutet wird. Uwe Vetter


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