antependium.schwarzAn einem Tag im Kirchenjahr sehen wir schwarz. Wenn die Altäre nicht völlig leer dastehen, bedeckt sie ein schwarzes Tuch wie ein Trauerflor. Schwarz ist keine Farbe, es ist das Fehlen allen Lichts und die Abwesenheit jeglicher Couleur. Die Bibel kann ein Lied davon singen. Psalm 139 spielt Momente äußerster Gottesferne durch und zieht eine schwarze Decke über sich: »Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein…«. Dem Propheten Jona wird schwarz vor Augen, als er auf seiner gescheiterten Flucht im Bauch eines großen Fisches auf dem Meeresgrund landet. Sein Gebet (Jona 2) liefert das herzergreifende Psychogramm eines Menschen, der am Ende ist. Hiob fällt in tiefer Niedergeschlagenheit und sieht seine innere Finsternis als Melancholie nach außen dringen: »Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne (verbrannt)« (Hiob 30:28). Die Gefangennahme Jesu und die gewalttätigen Verhöre erfolgen in der Nacht zum Karfreitag, und vom Mittag bis zu seiner Todesstunde verdunkelt (nach dem LukasEvg) eine Finsternis das ganze Land. Unser Karfreitags-Antependium spiegelt das Dunkel im Element des Wassers. Auf der schwarzen Wasseroberfläche, leicht bewegt, schimmert kaltes Mondlicht und erinnert an das Wasser der Urflut, als die Erde noch wüst und leer war und es finster war auf der Tiefe. Mit diesen Zeilen beginnt die Bibel das erste Buch Mose. Es ist das alte Bild vom Chaoswasser, abgründig und bodenlos, unheimlich und bereit, Leben zu verschlingen und nicht wieder herzugeben. Diesen Moment nimmt der kirchliche Karfreitag ernst und widmet sich in der Passionsgeschichte auch unseren dunklen Erfahrungen, bevor es Ostern und hell und lebendig und dem Karfreitag kräftig widersprochen wird. Karfreitag ist der Moment, wenn eine Welt im Chaos(-Wasser) zu versinken und Gott fern und ohnmächtig scheint. Unser schwarzes Antependium erzählt davon in einem bewegenden Bild. Uwe Vetter


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